Labyrinth der Ängste

Labyrinth der Ängste

Es ist viertel vor sechs als ich den Supermarkt betrete. Vorne im Einkaufswagen sitzt mein kleiner Sohn, 18 Monate alt. Früher hasste ich diesen Supermarkt, der seinen Namen im Laufe der Jahre häufiger geändert hatte, als die verwitterte Fassade des Gebäudes neu gestrichen wurde. Ich hatte es noch nicht unter Kontrolle. All die Stimmen, die Ängste und die Ignoranz die durch die engen Gänge krochen.

Heute komme ich täglich.

Gleich am Eingang steht der Flaschenschlucker, der Herrn Schott ersetzt hat. Ein Wunderwerk der Technik. Er dreht die eingelegten Flaschen einmal um die eigene Achse, leuchtet kurz giftgrün. Dann verschlingt er das Leergut oder spuckt es wieder aus, genauso wie den bedruckten Zettel, der als Quittung für alle Pfandflaschen herauskommt, die er mochte. Herr Schott ist tot. Ich mochte ihn.

Damals hatte es angefangen.

Herr Schott hatte sich auch um die Auslage des Gemüsefachs gekümmert, das viel kleiner war und ohne Spiegel, die den Kunden ein doppelt so großes Angebot vorgaukeln soll. Im Vorbeischieben sehe ich Frau Schmutzke wie sie Tomaten drückt, um die Frische zu testen. So wie die anderen vor ihr. Schließlich nimmt sie drei Stück, die sie noch nicht gedrückt hatte und scheinbar auch kein Anderer.

Ich bleibe kurz stehen und rieche Supermarkt. Leicht süßlich ist die Mischung aus Obst, Gemüse und den olfaktorischen Resten eines Gurkenglasinhaltes und einer Stiege Naturjoghurt, die vor einiger Zeit zu Bruch gingen und nur notdürftig aufgewischt wurden. Keine Zeit. Mein Blick schweift am Kühlregal vorbei zu dem kleinen Eck mit frisch Aufgebackenem. Es riecht auch nach Angst. Oder sind es die Stimmen, die ich höre, die ungesprochenen Worte und Gedanken, die Angst verströmen?

Ich bleibe beim Käseregal stehen und sehe Herrn Zeilinger. In seinen Händen hält er zwei Packungen Streichkäse. Auf der einen steht die Antwort zu seiner Überlegung, ob er diesen Käse kaufen soll in blauen Buchstaben mit einem Ausrufezeichen am Ende. Ich konzentriere mich und reduziere den Geräuschehaufen auf seine Gedanken.

Wenn Hilde stirbt, bin ich ganz alleine. Ich will nicht, dass sie stirbt. Ich werde ihr den teuren Käse mitbringen. Arme Hilde.

„Guten Abend Herr Zeilinger. Das ist aber ein leckerer Käse, den Sie da ausgesucht haben.“

„Wie? Ach, hallo Herr…“

Sein blickt wandert zu meinem Sohn, der ihn anlächelt.
Er lächelt ebenfalls und mein Kleiner quietscht vergnügt. Ich spüre, wie die Anspannung von Herrn Zeilinger abfällt. Wie jedes Mal, wenn mein Sohn einen Menschen anlächelt.

Ach, würde er doch noch leben.

Ich weiß immer noch nicht, warum ich jeden Tag hierher kommen muss, warum ich all diese Leute treffen muss, die so voller Hass und Wut sind, während sie mit gesenktem Blick durch die Gänge streifen, hektisch ihre Einkäufe zusammenraffen und mit neidischem Blick in den Einkaufswagen derer gieren, die sich eine teure Flasche Wein gönnen. Ich weiß nicht, warum sich die Menschen in einem Supermarkt nicht in die Augen schauen, sich grüßen oder sogar miteinander plaudern. Sie alle leben und als ob das nicht schon genug wäre, haben sie Geld zum Einkaufen, eine Wohnung, eine Familie. Warum sind die Menschen so böse geworden?

Als ich vor zwei Jahren meine Fähigkeiten entdeckt hatte, wurde ich krank. Ich hatte Kopfschmerzen, schlimme Kopfschmerzen. Kein Arzt konnte mir helfen. Man schob mich in Röhren, steckte mir Elektroden an den Schädel. Ohne Ergebnis. Ich sei gesund und solle doch mal zu einem Psychotherapeuten hieß es, während ich die Rechnung über Privatleistungen überreicht bekam.

Ich gehe weiter zum Drogerieregal. Zwei Frauen streiten sich über die letzte Packung eines Vollwaschmittels.

„Wussten Sie, dass in dieser Packung genau das gleiche Waschmittel ist, wie in dieser?“ Ich reiche ihr die Packung. Mein Kleiner lächelt.

„Nein! Wer, ich meine woher…?“ Sie sieht in die Augen meines Sohnes und lächelt. Auch die andere Frau lächelt.

„So ein Süßer.“ sagen sie unisono.

Auch die Psychotherapeuten konnten mir nicht helfen. Ich ging viel Spazieren in dieser Zeit. Es war still, wunderbar still, wenn ich im Wald war. Nur das Blätterrauschen war zu hören. Nach und nach entdeckte ich, dass es Gedanken waren, die ich empfing. Ich hörte zuerst die Gedanken eines Försters auf einem Hochsitz. Klar und deutlich. Je mehr Menschen um mich waren, desto schlimmer wurde es. Mein Hirn konnte den Geräuschhaufen nicht verarbeiten. Langsam lernte ich, damit umzugehen. Ich erkannte die Gabe und wollte sie nutzen, um zu helfen. Nach ein paar Wochen konnte ich meine Konzentration auf einzelne Personen richten. Ich habe niemandem davon erzählt. Nur mein Sohn schien etwas zu ahnen.

An der Kasse stehen viele Leute an. Ich spüre, wie sich Ungeduld und Wut ausbreiten.

Kann der mich nicht vorlassen. Ich hab’ doch nur so wenig.
Mann, der kann man ja beim Arbeiten die Schuhe doppeln.
Ich schmeiß' jetzt gleich den ganzen Einkauf hin und geh.

Ich gehe an der Schlange vorbei und drücke den Klingelknopf. Nach wenigen Augenblicken kommt eine Angestellte und öffnet eine weitere Kasse. Mein Kleiner lächelt. Die Spannung löst sich. Die Menschen nicken mir zu und lächeln meinen Sohn an. Ist es wirklich so einfach?

Jeden Morgen, wenn ich die Augen öffne, stehe ich mit meinem Einkaufswagen vor diesem Supermarkt. Im Wagen sitzt mein Sohn und lächelt mich an. So wie damals, als wir im Stau standen, kurz bevor der Sattelschlepper in das Stauende und damit in unser Auto raste und es auf einen halben Meter Länge zusammenschob. Wie gerne hätte ich miterlebt, wie er groß wird, wie wir gemeinsam über eine Wiese laufen und Fußball spielen.

Ich frage mich schon lange nicht mehr, warum sie uns sehen können, warum keiner merkt, dass wir den Supermarkt nie verlassen. Vor genau einem Jahr ist der Unfall passiert und ich frage mich außerdem, wie lange wir hier gefangen sein werden. Sind wir überhaupt gefangen? Sind wir nicht vielmehr abbeordert von einer höheren Macht, hier zu sein, zu helfen, was ich immer wollte. Menschen helfen, ein kleines bisschen Glück in ihr Leben zurück zu bringen und wenn es nur durch das Lächeln eines Kindes ist, hier in diesem Supermarkt?

Irgendetwas ist anders heute.

Hinten, im Getränkelager.

Da ist ein Licht.

Da gehen wir jetzt hin.

 

daywalker2709 am 10.2.09 15:50

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