Nur einen Kuss (inspired by "Die Ärzte")

Monatelang hatte er auf diesen Moment gewartet, war durchs Land gezogen, getrieben von einem einzigen Wunsch.

Georg saß an der Theke neben einem Schönling, dessen blonde Haare im schummerigen Kneipenlicht pomadig glänzten. Sein Gesicht war kantig und makellos.

„Warum dürft ihr denn hier drin rauchen?“

Der Schönling drehte sich zu Georg um. „Wie bitte?“

„Na, ich meine wegen dem Rauchverbot?“

„Ach so. Wir sind hier in einem Raucherclub, eine bayerische Erfindung, um dieses dämliche Antirauchergesetz zu umgehen.“

„Praktisch“, antwortete Georg. Der Fremde hatte angebissen und wirkte sogar sehr sympathisch. „Ist schon schlimm, diese dauernde staatliche Maßregelung.“

„Huber, Christian Huber“, stellte sich der Schönling vor und streckte Georg die Hand hin.
„Ich bin der Georg“. Seinen Vornamen durfte er ruhig wissen.

Der Schönling steckte sich eine Mentholzigarette in den Mund. Dann zog er ein Zippo-Feuerzeug aus der Hosentasche. Georg beobachtete, wie er es kurz in der Hand hin und her schwenkte und kurz darauf eine breite Flamme aufloderte.

„Auch eine?“ Der Schönling schnippte den geöffneten Deckel des Feuerzeugs wieder zu.
-Zing-
„Ja, aber ich rauche lieber meine eigenen“. Georg nahm eine Zigarette aus seiner Schachtel. Rauchen war seine einzige Freude seit dem schrecklichen Unglück vor sechs Monaten.
„Ein Bier?“ Der Schönling war auch noch spendabel. Georg nickte.
„Kommt bestimmt gut bei den Frauen an, der Trick mit dem Feuerzeug meine ich.“
-Schnipp-
Georg zog an der Zigarette. Sie schmeckte nach Feuerzeugbenzin.
„Ja, die Mädels stehen auf so was.“
-Zing-
„Alleine hier?“, fragte der Schönling.

„Auf der Durchreise sozusagen. Morgen geht es aber nach Hause.“ Georg grinste und spürte, wie sich seine Anspannung lockerte.

„Und selbst?“

„Ich bin auch alleine hier – noch“, antwortete der Schönling und zwinkerte mit dem rechten Auge.

„Schau mal da drüben“. Georg drehte sich nach rechts und sah am Ende des Tresens eine junge Frau sitzen, brünett, attraktiv, vielleicht Mitte Zwanzig. Etwa wie Vanessa damals.

-Schnipp-Zing-. Wieder das Zippo.

„Die wär’ doch was, oder?“

„Schon, ja“. Georg spürte, wie seine Sicherheit schwand. Wenn eine Frau ins Spiel käme, wäre das nicht gut. Zumal er mit Frauen ohnehin nicht so gut konnte. Nur mit Vanessa, seiner Vanessa, die er über alles geliebt hatte und schweren Herzens vermisste.

„Willst `nen Schnaps?“ Georg musste ihn ablenken.

„Gerne. Willi?“

Georg bestellte zwei Williams.

Ein paar Minuten später prosteten sie sich zu und unterhielten sich weiter, über Freiheit und Fußball. Aus dem einen Schnaps wurden fünf und auch die Biergläser füllten sich ein ums andere Mal. Neben der Nüchternheit verschwand auch die Brünette nach einer Weile.

„Weissu! Fraun sin mir unheimlich. Ich hab manchmal echt Angst vor denen“, lallte der Schönling und Georg wunderte sich über das unerwartete Geständnis.

„Wieso das denn?“

Schnipp-Zing-

„Na ja, sie sin so, so besitzergreifnd“ fuhr er fort und nahm einen großen Schluck.

„Aber doch nicht alle, oder?“

„Neeee, aba viele. Da hassu eine erobert, weissu ich hab viele erobert, im ganzen Land un dann, dann wolln sie plötzlich heiraten und Kinder un so un ein Haus un das Ganze halt, weissu was ich mein?“

-Schnipp-Zing-

„Ja, aber das ist doch nicht so schlimm.“

„Doch, für mich schon. Die wolln mich besitzen, weissu, ganz für sich alleine und das mag ich nich, echt nich. Das engt mich ein, verstehsu?“

-Schnipp-Zing-

-Schnipp-Zing-

„Und dann verlässt du sie, oder? Schmeißt sie weg, wie benutztes Klopapier.“ Georgs Puls schlug höher.

„Nein, dann bring ich sie um!“

Georg rutschte mit dem aufgestützten Ellenbogen vom Thekenrand ab und krachte mit dem Kinn auf die Theke.

„Was?“

„Spaß, Mann. Spaß! Glaubsu ich bringe Frauen um, oder was? Und erzähl es dir dann auch noch? Dann müsste ich dich ja auch umbringen, sosusagen als Mitwisser.“

Georg wurde schlecht. Der Abend nahm einen unerwarteten Verlauf.

„Ne, ich hab `nen Trick, wie sie mir ewig treu bleiben, weissu. Ich mag es nich, wenn sie ein anderer kriegt. Sollen doch mir treu bleiben.“

„So, was denn für einen Trick?“ Georg wusste genau, was jetzt kam.

„Ich sag einfach, dass ich auf ne Geschäftsreise gehe, weissu, und bald wieder da bin un dass sie warten solln und dann schau ich recht treu und geh. Die meisten wartn echt. Irre, oder?“

Georg war sich jetzt sicher. An seiner Seite saß der Mann, der seine Liebste mit eben dieser Methode in den Tod getrieben hatte. Gestorben an gebrochenem Herzen, seine Vanessa, die er doch so liebte und mit der er glücklich war, damals vor fast einem Jahr. Nur einen Kuss hatte er bekommen. Damit war ihre Liebe für immer besiegelt. Das reichte ihm als Beweis.

„Lassuns gehen“, sagte der Schönling und stand auf.

„Bist du sicher?“, antwortete Georg, der nicht genau wusste, wer jetzt hier eigentlich vor wem Angst haben sollte.

Sie zogen Ihre Mäntel an und gingen nach draußen.

Der nasskalte Oktoberwind klatschte in ihre Gesichter. Arm in Arm torkelten Sie den Feldweg hinter der Kneipe entlang.

Nach etwa einem halben Kilometer kamen sie an eine Böschung. Georg sah sich kurz um. Als er niemanden sah, löste er die Umarmung und stieß den Schönling die Böschung hinunter.

„Das war einfacher als gedacht“, murmelte Georg und stieg vorsichtig den Hang hinunter. Er schleifte den regungslosen Körper tiefer in den Wald hinein. Dann zog er den Schönling aus, nahm ein Seil aus seinem Mantel und fesselte ihn an einen Baum. Über seinen Mund klebte er einen Streifen Gaffa-Tape.

Als der Schönling nach ein paar Minuten aufwachte, saß Georg vor ihm auf einem umgeknickten Baum. In der einen Hand hielt er eine qualmende Zigarette, in der anderen ein Messer in dem sich das kalte Licht des Mondes spiegelte. Der Fremde spürte nicht, dass er splitternackt war. In seinen Augen standen Angst und Entsetzen.

„Jetzt ist es also soweit.“ sagte Georg und zog an seiner Zigarette.

„Dein Treiben wird ein Ende finden, heute und hier.“

Der Schönling riss an seinen Fesseln, versuchte sich zu befreien. Ohne Erfolg.

„Du hast mir meine große Liebe genommen, der ich mein Herz geschenkt habe“, fuhr Georg fort, „vor etwa sechs Monaten. Vanessa, erinnerst du dich? Hast sie sitzen lassen bis sie schließlich starb, an gebrochenem Herzen.“

Der Schönling schüttelte wild mit dem Kopf, versuchte zu schreien.

Georg stand auf.

„Jetzt hol ich mir mein Herz zurück.“

Georg hob das Messer und ging langsam auf ihn zu. Ein kleiner Schnitt nur. Der Fremde bäumte sich auf. Blut floss den bleichen, zitternden Körper hinab. Ein kurzes Knacken, dann hielt Georg das dampfende Herz in seinen Händen.

Bodenmaiser Zeitung – Lokalteil
Ritualmord im bayerischen Wald?
Ein Jäger fand am vergangenen Sonntag eine Leiche in einem Wald in der Nähe von Bodenmais. Der etwa 35-jährige Mann war nackt an einen Baum gefesselt. Besonders grausam dabei: dem Toten wurde vermutlich bei lebendigem Leib das Herz herausgeschnitten. Vom Täter fehlt bisher jede Spur. Wie die Polizei mitteilte ergab ein DNA-Test, dass es sich bei dem Opfer um einen seit Jahren gesuchten Frauenmörder handelt.

daywalker2709 am 12.1.09 09:02

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