Als Erwin ging...

Erwin ging am Sonntag.


Ich weiß nicht wohin, aber er wird dort bleiben - für immer. Noch vor einer Woche saß er bei uns auf der Couch und wollte seinen Großneffen nicht auf dem Arm halten, hatte Angst, er würde ihn zerbrechen, den kleinen Wurm. Das nächste Mal, wenn er etwas stabiler ist, hat er gesagt, dann würde er ihn halten.

Es gibt kein nächstes Mal.


Gestern, um kurz vor 18.00 Uhr, brach die Gnadenlosigkeit des Lebens in Form eines Anrufs über uns herein, ohne Termin. Wir hatten über ein bis dahin wichtiges Thema diskutiert, hatten uns aufgeregt, heiß geredet. Die kalte Dusche wurde mit dem Satz "Es ist etwas Schreckliches passiert" eingeleitet, gefolgt von Tränen.
Die Ironie liegt in der Reaktion darauf: "Der Sigi ist gestorben!?" Ein Onkel, der seit Monaten mit Krebsgeschwüren kämpft, dem fünf Liter Wasser aus dem Bauch punktiert wurden, der alle Arten von Strahlen über sich ergehen lassen muss, ohne Garantie auf Besserung. Man rechnet täglich damit, bereitet sich gedanklich darauf vor, bald mal wieder schwarz zu tragen. Er ist sowieso ein Eigenbrödler, hat nie einen Platz in unseren Herzen gefunden, geizig und verschlossen wie er ist. ‚Schlimm aber verkraftbar der nahende Verlust’, flüstern böse Gedanken. „So ist das Leben – der Tod gehört dazu!“, rufen die Phrasendrescher.

„Mein Erwin ist gestorben“ kam stattdessen und neben Fassungslosigkeit und Tränen spult mein Gehirn die Erinnerungen an ihn ab: Leidenschaftlicher Trompetenspieler, sportlich, Nichtraucher, ab und zu ein Gläschen Wein, keine nennenswerten Beschwerden. Wir waren sicher, er würde alle überleben.

‚So ist das Leben’, denke ich und sitze mit meiner Frau, einer Zigarette und einem Glas Grappa auf der Couch, baue Luftlöcher. Mein kleiner Sohn lacht mich an und quiekt stolz: „Öröh“. Ich werde viel nachdenken die nächsten Tage, werde jeden einzelnen zu schätzen wissen, bewusster leben, scheinbar wichtige Dinge anders einstufen, bis der Alltag wieder kommt, denn auch der ist sicher wie der Tod.

Als eben dieser Erwins Herz umklammerte war er mit seiner Frau spazieren. Er brach einfach zusammen auf dem kalten Asphalt, atmete ein letztes Mal aus. Seinen letzten Gedanken werden wir nie erfahren. Vielleicht wünschte er sich, er hätte unseren kleinen Sohn doch auf den Arm genommen.

 

daywalker2709 am 20.11.07 11:37

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