Schachzüge

Dicke Regenwolken zogen über Stuttgart, als ich an diesem Tag meinen aktuellen Fall zu Ende bringen wollte. Seit zehn Jahren war ich inzwischen unterwegs, auf der Suche nach der oft unbequemen Wahrheit. Als ehe­maliger Kriminalhauptkommissar hatte mir mein Riecher für Lügen und Intrigen die Arbeit oft erleichtert. Das Schema war fast immer das gleiche: Ermittlung durchgeführt – Wahrheit präsentiert – Auftraggeber erfreut oder am Boden zerstört – Geld bekommen. Eintönig aber einbringlich. Für heute hatte ich jedoch einen besonderen Showdown geplant.

 

Ich verließ mein Appartement gegen neun Uhr. Feuchter Nieselregen kroch in mein Genick, als ich die Haustür öffnete. Ich schlug den Kragen meines Trenchcoats nach oben und vergrub mein Gesicht darin. Da der Treffpunkt mit meinem Auftraggeber in der Fußgängerzone war, beschloss ich, zu Fuß zu gehen. Noch bevor die massive Eichentür des anonymen Zwölffamilienhauses ins Schloss fiel, hatte ich die Gegend mit einem routi­nierten Blick geprüft. Eine Übung, die ich reflexartig praktizierte, da man als Privatschnüffler schnell vom Jäger zum Gejagten werden konnte.

 

Ich erinnerte mich noch genau, wie dieser Vaisberg vor zwei Wochen zu mir gekommen war. Ein Hüne mit breiten Schul­tern, die sich unter einem schwarzen Seidenanzug von Armani abzeich­neten. Er hatte diesen Tick, sich permanent durch sein zu hell blondiertes Haar zu streichen und den Kopf dabei lässig in den Nacken zu werfen. Ein echter Unsympath.

Er wollte wissen, ob seine Frau ihn betrüge. Dabei redete er ohne Unter­brechung, erzählte von Ala, seiner Tochter, gab mir ein Bild seiner Frau und wollte wissen, was es koste. Wir vereinbarten ein Honorar von 2.500.- Euro plus Spesen und er gab mir seine Handynummer.

Als es am nächsten Morgen an meiner Tür klingelte, sah ich durch den Spion in das verheulte Gesicht einer Frau in den Dreißigern. Ich bat sie herein. Nachdem sie mir ihre Geschichte der hintergangenen Ehefrau erzählt hatte und dabei mehrmals in herzzerreißende Heulkrämpfe ausgebrochen war, zeigte sie mir ein Bild des vermeintlichen Betrügers. Mir stockte der Atem, als ich darauf meinen Klienten vom Vortag erkannte. Sie hielt das Bild in ihren langen, schmalen Händen, die zwar zitterten, aber perfekt zu ihrer Erscheinung passten. Glattes, pechschwarzes Haar, sinnlicher Mund, zierliche Figur. Ich war überwältigt. Ihr süßes Parfüm betörte mein Gehirn. Ich beschloss, auch ihren Fall zu übernehmen, erzählte ihr aber nichts von ihrem Mann.

 

Die nächsten Tage verbrachte ich damit, intensiv zu recherchieren. Aller­dings in eine andere Richtung, als die beiden glaubten. Ich wollte diese Frau haben und so tat ich alles, um ihren Mann von ihr fernzuhalten. Ich schlug ihm vor, eine Reise zu machen und seine Tochter gleich mitzu­nehmen. Er müsse für eine Woche verschwinden, um seine Frau dann auf frischer Tat zu ertappen. Vaisberg war einverstanden, buchte für sich und seine 18-jährige Tochter zwei Hotelzimmer auf Teneriffa und kam nach drei Tagen, unter dem Vorwand eines dringenden geschäftlichen Termins alleine wieder zurück. Damit seine Frau keinen Verdacht schöpfen konnte, sagte ich ihm, er solle sie regelmäßig anrufen und so tun, als sei er noch auf Teneriffa. Er solle ihr eine spannende Geschichte über die Tochter erzählen und sie mit einer erfundenen Bootsfahrt eifersüchtig ma­chen. Nach diesem Telefonat wollten wir uns treffen, um das weitere Vor­gehen zu besprechen.

 

Ich hatte die Fußgängerzone erreicht und sah in einiger Entfernung die Telefon­zelle, bei der wir uns treffen wollten. Vaisberg war pünktlich und als ich näher kam, hatte er den Hörer bereits in der Hand und tippte die Nummer ein. Ich beobachtete, wie er zu sprechen begann und als ich keine zehn Meter entfernt unter einem Vordach einer kleinen Boutique etwas sah, wusste ich, dass mein Plan funktionieren würde.

 

Ich traf mich auch einige Male mit Frau Vaisberg, Natalia, wie ich sie in­zwischen nennen durfte. Ich erzählte ihr, dass ihr Mann eine Geliebte habe und diese während eines Urlaubs wieder treffen wolle. Um ihn auf frischer Tat zu ertappen, schlug ich ihr vor, die Rufum­leitung von ihrem Festnetzanschluss auf ihr Handy zu aktivieren und zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Fußgängerzone zu sein, wo er sich mit seiner Geliebten treffen wollte. Sie stimmte zu.

 

Als sich die Figuren aufeinander zu bewegten, hatte ich Stellung bezogen. Vaisberg hatte gerade aufgelegt und drehte sich um. Als er seine Frau sah, riss er die Augen weit auf. Noch ehe er etwas sagen konnte, gab sie ihm eine Ohrfeige und brach in Tränen aus. Jetzt war es Zeit für meinen Auftritt.

„Du Schwein, wie konntest du mir das antun?“ schrie sie hysterisch.

„Natalia, bitte, hör mir zu. Ich kann dir alles erklären!“

Zielstrebig ging ich auf die beiden zu und stellte mich beschützend vor Natalia.

„Meine Liebe, so beruhigen Sie sich doch. Ich weiß, es ist schlimm für Sie.“ Sie legte ihren Kopf an meine Schulter und schluchzte laut.

Vaisberg packte mich an meinem Mantel und wollte mir mit geballter Faust seine Antwort auf mein Ränkespiel direkt ins Gesicht prügeln.

„Hör auf!“ schrie Natalia „oder willst du noch mehr Menschen unglücklich machen?“

„Dieser Kerl hat das alles eingefädelt, bitte glaube mir!“ Vaisbergs Stimme vibrierte vor Hass und Verzweiflung.

„Ja, genau. Red´ dich nur wieder raus, du Weiberheld. Ich lasse mich scheiden. Verschwinde aus meinem Leben. Ich hasse dich.“ Natalia schluchzte und zitterte am ganzen Körper, aber in mir hatte sie ja jetzt einen neuen Beschützer. Ich triumphierte innerlich.

Vaisberg erkannte seine Niederlage und verschwand unter wilden Dro­hungen, mich dafür büßen zu lassen. Jetzt war der Weg frei zu meiner neuen Liebe.

 

„Natalia?“ Ich strich ihr zärtlich durchs Haar. „Geht es wieder?“

Langsam nahm sie ihren Kopf von meiner Schulter.

„Nimm deine Finger da weg!“, fuhr sie mich an. In ihren Augen war keine ein­zige Träne zu sehen. Ich verstand überhaupt nichts mehr.

„Wie, ich meine, was ist denn los?“

„Hast du im Ernst geglaubt, ich fange etwas mit so einem Schwachkopf wie dir an? Als mir mein Freund, übrigens ein weitaus brillanterer Detektiv als du es bist, erzählt hat, dass mein Mann einen Schnüffler auf mich angesetzt hat, wusste ich, was ich zu tun hatte.“

„Aber, du hast doch gesagt…“

„Nichts habe ich gesagt. Geträumt hast du das wohl. So und jetzt ver­schwinde aus meinem Leben.“ Sie stieß mich unsanft von sich.

Am Ende der Fußgängerzone stand ein schwarzes BMW Cabrio. Ein braungebrannter Typ stieg aus und kam auf uns zu. Natalia ging zu ihm und umarmte ihn stürmisch. Dann fuhren die beiden davon. Während ich ihnen fassungslos nachsah, wurde mir klar, dass ich in meinem raffiniert inszenierten Schachspiel zum Bauernopfer geworden war.

daywalker2709 am 8.11.06 09:37

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