Karneval der Läufer

Es ist schon ein seltsames Völkchen, diese Marathonläufer. Mal davon abgesehen, dass es ihr Ziel ist, mehr als 42 Kilometer zu Fuß und ohne Pause zu rennen, gibt es wohl keine Sportart, bei der die Athleten sich derart geschmacksneutral präsentieren, dass man zunächst glaubt die örtliche Klapsmühle hätte Betriebsausflug.

Da ich persönlich wahrscheinlich nach zwei Kilometern Laufstrecke schon lustige, schwarz-gelbe Teerklümpchen ausspucken würde, sei an dieser Stelle bemerkt, dass ich tiefen Respekt vor allen habe, die sich dieser jahrhunderte alten Herausforderung stellen.

Aber bitte, läuft das Auge denn nicht mit? Ich meine, wer zum Teufel ist Stilberater bei Marathonläufern, optisch wie läuferisch? In welchem Leitfaden steht, dass man unbedingt Torwarthandschuhe von der Größe eines Teppichklopfers tragen muss, noch dazu als zierliche Frau? Gibt es beim Marathon denn keinerlei Regeln? Ein Fußballer kann doch auch nicht im Baströckchen auflaufen, nur weil er meint sein Genital werde dann besser belüftet.

Beim Münchner Medienmarathon waren alle versammelt. Egal ob jung, alt oder sogar steinalt, selbst eine Gruppe blutleerer Untoter durfte sich ein Nummernschild an die Brust oder an die Lende tackern und sich selbst, seinem Partner oder seinem Bewährungshelfer beweisen, wie überflüssig öffentliche Verkehrsmittel sind.

Ich will nicht gemeiner sein als nötig, daher erwähne ich den Barfußläufer

(Hallo? 8,5 Grad Celsius, regennasse Straße) und die Vielzahl verkrampfter weil ungepoppter Feministinnen an dieser Stelle nur kurz. Was mich viel mehr begeistert hat, waren optische Leckerbissen, die für schwindelerregende Einschaltquoten bei jeder Freakshow sorgen würden. Ein Beispiel: Wer lässt seinen Ehemann, etwa 68 Jahre alt, faltentechnisch ein eindeutiges Opfer der Schwerkraft, eine rosarote Leggins mit türkis-gelben Längsstreifen anziehen, die eindeutig zeigt, ob der Läufer Links- oder Rechtsträger ist, ohne dafür mit Musikantenstadl-Wiederholungen bis zum Eintritt der Bewusstlosigkeit bestraft zu werden? Frauen, warum quält ihr eure Männer so? Wo bleibt denn da die unantastbare Würde des Menschen, vor allem die des Zuschauers?

Jetzt mal Hand aufs Herz: Wer, liebe Läufer, berät euch bei eurem Laufstil? Ist es denn nicht schon schwer genug diese Strecke normal zu laufen? Müsst ihr wirklich eurer Individualität durch Hopsen, Schweben oder Watscheln Tribut zollen? Aber damit noch nicht genug. Da zum Überleben dieser Mörderstrecke scheinbar dreiviertel der Gehirnzellen abgeschaltet werden, vergesst ihr sogar, eure Arme zu bewegen. Stattdessen lasst ihr sie wie einen Klumpen totes Fleisch herunterhängen oder zwingt sie, rechwinklig angezogen an euren Achseln zu kleben. C3PO würde sich auf seine metallischen Schenkel klopfen, wenn er das sehen würde.

Ich habe noch einen anderen Verdacht. Auf Euch wartet zu Hause niemand und ihr seid auf Partnersuche, denn die Zahl glotzender Klatschmaschinen, die am Straßenrand „Ja, Bodo, du schaffst es“ oder „Weiter so, Heinz-Rüdiger“ rufen, ist verhältnismäßig gering. Böse Zungen behaupten sogar, die würden nur klatschen, weil ihnen kalt ist. Diejenigen, deren Kopf nach 20 Kilometern noch nicht einem geplatzten Kürbis ähnelt, suchen ihren Traumpartner, da bin ich mir sicher. Warum sonst tragt ihr Gürtel, in denen Flaschen mit einer gallegrünen Kombucha-Eigenurin-Mischung darauf warten, getrunken zu werden? Warum sonst steckt ihr Euch zwei zusammengeklebte Trinkröhrchen unter euer sauer verschwitztes Stirnband, während Daniel Küblböck aus dem Knopf in Eurem Ohr „Superstar“ dudelt? Man muss auffallen, sich abheben von der Heerschar anderer Läufer, auch wenn man(n) dabei über die schwarze Glanzleggings eine hellblaue Fußballershort zieht. Alles ist erlaubt.

Ich werde es wohl nie verstehen, weil ich euch nicht kenne. Oder doch? Läuft da hinten nicht mein Sachbearbeiter aus dem Finanzamt und da, das ist doch der Polizist, der mir neulich wegen fehlender Thermodecke einen Strafzettel aufgebrummt hat. Nein, doch nicht, aber ich frage mich schon, was ihr den Rest eures Lebens so macht. Seid ihr Maistester in einem Genlabor? Oder Aliens, die 364 Tage lang in einem Alkofen Energie tanken um irgendwann einmal die Weltherrschaft zu übernehmen? Ich weiß es nicht, aber beim Gedanken an eine Armee rosaroter Radlerhosenträger (mit Poposchoner), die barfuß im Stechschritt marschierend die sofortige Abtrennung der Arme vom Rumpf fordern, wird mir schlecht. Ich verwerfe diese Idee, setze mich in mein Auto und fahre los, rüber zum Bäcker. Da gibt’s frische Croissants und meine Zigaretten sind auch leer.

Nächstes Jahr bin ich auf jeden Fall wieder dabei. Beim Karneval der Läufer in München.

daywalker2709 am 8.11.06 13:38

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Simone Siegle (12.11.06 14:10)
zu geil... ich werde an meinem nächsten Lauf an dich denken! Simone

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