Aqualogisches

Es ist schon seltsam, wenn man heutzutage durch eine Fußgängerzone schlendert und beobachtet, wie viele Menschen unter plötzlicher Austrocknungshysterie leiden. Wenn man die wissenschaftliche Tatsache zu Grunde legt, dass ein Mensch etwa zwei Tage ohne Wasser überleben kann, ist es umso erstaunlicher, dass ein neuer Trend unaufhaltsam in unser Leben Einzug hält: Wasser trinken – immer und überall.

Die Marketingstrategen der Wasserproduzenten (gibt es so etwas wirklich?) haben wirklich ganze Arbeit geleistet und schon beim Design der Flasche, natürlich aus leichtem PET, darauf geachtet, eine tragbare, leicht feminine Form zu wählen. Ein klangvoller Name auf einem Etikett, das durch zarte, naturverbundene Farbtöne dezent auf Gesundheit und Frische hinweist, rundet das Erscheinungsbild der neuen Biodroge ab. Wo einst ein schickes Handtäschchen von Gucci am Handgelenk baumelte, signalisiert jetzt das Fläschchen Wasser die neue Form von Freiheit: Schaut her, ich bin gesund und kann trinken – wann und wo auch immer ich will.

Wie bei jedem Trend ist auch bei diesem schon jetzt eine unerträgliche Übertreibung der ärztlichen Forderung nach zwei Liter Flüssigkeitsaufnahme pro Tag, zu erkennen. Egal ob am Postschalter mit einem Riesenpaket unterm Arm oder in einem prall gefüllten H&M Laden, immer wieder sieht man, wie plötzlich jemand ein kleines Vittel oder Evian Fläschchen zückt und gierig schluckend seiner/ihrer Umwelt signalisiert: Ich will jetzt trinken, mein Körper braucht das jetzt.

Vorbei sind die Zeiten, wo das Volk Zitronen- oder Orangenlimonade getrunken hat. Auch das zumindest noch lebendige Mineralwasser mit Kohlensäure ist out. Obwohl der durchschnittliche Beckmann-Imitator sämtliche Inhaltsstoffe nur durch den Aufdruck auf dem Etikett erkennen kann, philosophiert er über den Geschmack des Wassers. Hallo? Hat uns jemand unbemerkt einen Chip für chemische Wasseranalysen eingepflanzt oder warum glauben plötzlich Menschen, die einen edlen Rotwein nicht mal von einem Glas Traubensaft unterscheiden können, dass diese tote Plörre auch nur annähernd nach etwas anderem schmeckt als zum Beispiel dem Döner, den man zehn Minuten zuvor verschlungen hat?

Jeder Trend vergeht und bei diesem hoffe ich persönlich, dass er bald ertrunken ist: in einem schönen, kalten Glas randvoll gefüllt mit prickelnder Coca-Cola.

daywalker2709 am 8.11.06 09:13

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