Tagebuch eines Schachtelteufels

Sonntag, 9.00 Uhr MEZ

Ich sitze in meinem Auto und überlege, warum ich um diese Uhrzeit nicht, wie etwa 400 Milliarden andere Menschen um diese Zeit, im Bett liege und im Traum auf einem stolzen Einhorn reite und blöde Trolle besiege.

Irgendetwas in mir zieht meine Synapsen auf schlechte Laune und ich vermute, dass mein Ruhepuls heute nie unter 100 kommen wird. Ein Vulkan auf Reisen, prima.

 

Sonntag, 9.30 Uhr

Ui toll, in der Halle sind lauter Kinder, ach nein, es muss heißen laute Kinder. Ohne jetzt zu sehr zu übertreiben rennen, toben, bollern, schreien, kreischen und brüllen etwa 1.500 Drei- bis Sechsjährige in der Gegend rum als würden sie die Fortsetzung von „Das Omen“ drehen oder wissen das heute ein Exorzist in die Halle kommt.

Ich freu mich aufs Einschlagen. Der Exorzist bin ich.

 

Sonntag 10.00 Uhr

Das Einschlagen war nix. Liegt wohl daran, dass unsere armen Zuspieler die kleinen Rauchwölkchen aus meiner Nase aufsteigen sahen und sich zu sehr erschrocken haben. Irgendwie riecht es hier nach Schwefel.

 

Sonntag, 10.15 Uhr

Wir spielen immer noch gegen die Schapanesen. Wir liegen vorne und ich überlege, ob man auf dem Spielfeld auch Zäpfle trinken darf.

Lösch ihn, mach ihn aus, bevor er hochgeht, grmblfx.

 

Sonntag, 11.00 Uhr

Wir haben die Schapanesen besiegt. 2:1, ein Kampfsieg. Die erste Zigarette steckt in meinem Mund. Niemand hat gesehen, dass ich sie mit einem Blick angezündet habe.

Ich überlege kurz, bei wie vielen ich mich jetzt schon entschuldigen muss.

 

Sonntag, 11.30 Uhr

Zweites Spiel. Gegenüber macht sich ein kammgegelter Sprungolm warm. Der gleiche Freak, der etwa zwei Stunden zuvor mit seinem blauen, heckbespoilerten BMW Dreier in die Tiefgarage gequietscht kam und ich mit einer Träne im Knopfloch einen Moment verharrt war um zu überlegen, wann ich das letzte Mal TicTacToe auf eine Metallicklackierung geritzt hatte.

 

Sonntag, 11.45 Uhr

Der Sprungolm verpufft wie Maciek es prophezeit hatte. Christof blockt in etwa 2,80 Meter Höhe einen seiner Angriffe und auch seine Grundtechniken zeugen von popogekorkter Grobmotorik. Hoffentlich bleibt der Korken drin.

Am Ende meines Gemütshorizontes erkämpft sich ein zarter Gute-Laune-Lichtstrahl den Weg durch die dunklen Gewitterwolken.

 

Sonntag, 12.02 Uhr

2:0 gewonnen. „Das erste Zäpfle“ in der Hand und wie bei allen gemütskranken Alokoholikern, hick, stellt sich schnell ein Grinsen ein, das den Coladose-querdrinsteck-und-trotzdem-damit-rumjonglier-Mund von Julia Roberts zur Minikauleiste degradiert.

Sonntag, 13.47 Uhr

Wir machen uns gegen den Tabellenführer warm. Auf der anderen Seite kommt es kurz zu Unruhen, weil einige Greenpeace-Aktivsten das Zuspieler-Fass von Beinstein zurück ins Meer ziehen wollen.

Spaß.

Gut gelaunt überlege ich, ob ich einem Kind in den Kopf beißen soll. Was für ein Tag.

 

Sonntag, 14.02 Uhr

Der Pirat von Beinstein kapituliert vor einer gut eingespielten Berkheimer Armada. Danke Martin und Sebastian, dass Ihr mit Eurer Schützenhilfe dafür gesorgt habt, die Beinsteiner Beine in Steine zu verwandeln (Brüller!) und mit Eurer Geduld und positiven Worten verhindert habt, dass ich Feuer speiend auf den Schiedsrichterstuhl springe und dessen Kopf in ein niederbrennwertiges Kohlestückchen mit Pfeife im Maul verwandle. Getrieben von morchelnden Hasswürmern prügel ich auf die Netzkante und reiss mir ein Stück Fleisch aus dem Daumen. Wo sind die Männer mit den weißen Jacken? Fazit: Sieg Nummer drei, 2:0.

Was zum Teufel will da raus aus mir und liegt nicht in der gerade gestellten Frage schon die Antwort?

 

Sonntag, 14.30 Uhr

Ich bestelle ein Zäpfle bei dem pickligen Schnarchschlumpf hinter der Theke.

 

Sonntag, 15.00 Uhr

Ich habe das Zäpfle bekommen. In Gedanken schiebe ich dem Schnarchschlumpf einen brennenden Chinaböller (Typ A) in den Arsch.

 

Sonntag, 15.07 Uhr

Es gelingt mir den Schwefelgeruch mit Nikotin und Zäpflesaft zu besiegen. Traurig überlege ich, ob Simone, Sybille und meine wunderbare Bianca mir jemals wieder einen Ball stellen können, ohne davor vier Stunden in Psychotherapie gewesen zu sein.

 

Sonntag, 15.51 Uhr

Der alte Angstgegner Unterhinternebensich-Ensingen steht als letztes zu schnupfendes Opfer auf dem Programm. Ich bekomme endlich Pause und überlege, ob ich vielleicht jetzt einem Kind in den Kopf beißen soll.

 

Sonntag, 16.14 Uhr

Ich muss mit ansehen wie meine bis zu diesem Zeitpunkt sehr geschätzten Mitspieler/innen in einen dornröschenartigen Sofortschlaf verfallen und auf dem Feld stehen, als ob Ihnen grausame Alienmutanten bei lebendigem Leib die Wirbelsäule aus dem Körper gerissen hätten.

Wir verlieren den ersten Satz gegen kleine leuchtgrüne Männchen.

 

Sonntag, 16.27 Uhr

Der arme Zijo muss das Feld verlassen und der kleine Schachtelteufel kommt wieder rein. Wir ballern die Mineralwasserproduzenten mit 25:4 vom Feld und ich höre mehrere Kinnladen auf den Boden klatschen. Auch der dritte Satz geht an uns.

8:0 Punkte, Balou macht den Sekt auf, alles gut. Scheinbar haben mich die anderen doch noch ein winziges Bissschen lieb. (ist das richtig geschrieben?)

 

Sonntag 17.55 Uhr

Wir haben geduscht, Wunden geleckt und freuen uns auf Zäpfle vom Fass.

Balou wartet opeltypisch auf den ADAC weil sein Astralkörper ihn verlassen hat und Team Coach Henrik sowie Team Protector Clau fahren schon mal vor…

 

Gefühlte 800 Stunden später kreise ich im karnevalistischen Hasskostüm durch Stetten. Mein Gemütszustand schnellt binnen Mikrosekunden auf ein Niveau, das einer sofortigen Teufelsaustreibung bedarf. Zijo schickt uns rechts-links-rechts, ich glaube links-rechts-links, fahren tun wir was ganz anderes.

Bianca sitzt neben mir und muss hören, fühlen und sehen, wie sich Ihr Göttergatte in einen schreienden Klumpen Fleisch verwandelt. Gut dass im Auto keine Kinder sind.

 

Sonntag, 18.04 Uhr.

Ich wische mir Blutstropfen aus den Augen und trete auf die Bremse, als ob ich einen Sattelschlepper vor den Sturz in den Höllenschlund bewahren will. Dank robuster Volvo-Technik überlebt mein Fahrzeug das Öffnen und Schließen von Türen und Kofferraumdeckeln um mein Navi aus der müffelnden Sporttasche zu angeln. Hysterie!

 

Sonntag, 18.06 Uhr

Neben mir halten Sebastian und Simone. Gut gelaunt tolerieren sie wie ich wild fluchend mein Navi programmiere um diese verfl… Wielandstraße zu finden.

 

Später…

Ich stehe vor der Pizzeria Trulli und rauche. Meine Frau ist traurig, hat sich von mir weggesetzt. Ich ziehe den Qualm in meine Lungen und fühle mich scheiße.

Dann gehe ich wieder rein, entschuldige mich reumütig und bin froh, dass Bianca mir verzeiht. Sie lächelt mich an und sagt: „Simmer wieder gut!“ Worte die schöner sind als jede Liebeserklärung. Es werden Plätze getauscht und ich sitze wieder neben ihr. Auch die anderen strahlen mir eine Fröhlichkeit entgegen, die ich nicht verdient habe.

Danke Euch allen.

daywalker2709 am 7.11.06 14:12

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bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Frechkerl (7.11.06 14:37)
Huhu Schvenne,

wie schon damals geschrieben, eine Geschichte zum brüllen. Schade das Du nur so wenige Geschichten schreibst. Ich lese sowas unglaublich gerne. Hab da auch mal einen Text geschrieben gehabt, was aber mehr einem Tatsachenbericht gleich kommt. www.svprag.de und da bei Spielberichte. Ein Turnier, der Gegner und das Bier ... ich sag nur 42.

Gruß
der Frechkerl


Mobsch (20.12.06 16:02)
Ich sag nur eines: jaja, so kennen wir unseren Geschichtenschreiber! Irgendwie ist das nicht nur die Beschreibung irgendeines Volleyball-Turniers, sondern eigentlich eine ziemlich exakte Beschreibung jedes einzelnen Spieltags, den ich mit ihm verlebt habe :-)

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