Leben ist tödlich

Neulich saß ich vor meinem Fernseher. Durch einen Tippfehler auf meiner Fernbedienung kam ich zufällig auf einen der zweistelligen Kanäle. Arte, 3Sat oder irgendein anderer Sparten-die-die-Welt-nicht-braucht-Kanal, auf dem normalerweise nur Reportagen über Beschwörungsrituale bei peruanischen Bongoindianern oder Bundestagsdebatten von 1974 gesendet werden.

Ich sah ein Fernsehstudio aus den 70ern, durchzogen von dicken Rauchschwaden, die durch das Schwarz-Weiß-Bild wirkten, wie eine Szene aus einem Edgar Wallace Klassiker. Im Studio saß Rudi Carrell, rauchend, umgeben von einigen Journalisten, ebenfalls rauchend. Es war eine Dokumentation über Carrells Lebenswerk und wenn man schon an dieser Stelle des Textes zynisch werden wollte, müsste man ergänzen, dass die Sendung von Philip Morris gesponsert war. Leider oder zum Glück gab es damals aber noch kein Sponsoring. Wenn man überlegt, dass heute selbst ein urinierendes Steppenokapi von einer Großbrauerei präsentiert wird - ein Traumzustand.

Rudi Carrell wurde 71 Jahre alt; trotz Rauchens und definitiv mehr Stress als der Großteil der Hartz-IV-verseuchten Bundesrepublik jemals verspüren wird. Diese Bundesrepublik ist derzeit eine Art Gallien unter den europäischen Ländern, wenn es um das absolute Rauchverbot geht, und genau das macht sie, zumindest in diesem Fall, so sympathisch. Blickt man hinter die Kulissen, muss man zwangsläufig den nicht unwesentlichen Einfluss der Tabakindustrie auf das staatliche Steuersäckel mit in die Wagschale werfen. Woher kommt aber nun die Sucht nach dem Abschaffen der Sucht? Betrachtet man die Politiker, so genießen sie scheinbar den Umstand, sich endlich einmal klar und unmissverständlich für eine Position entscheiden zu können, ohne dass sich ein Verband oder eine Gewerkschaft sofort dagegen aussprechen, zigtausende Wähler wieder zu den „Grauen“ abwandern oder der so felsenfest entschlossene Politiker zum sofortigen Rücktritt aufgefordert wird. Stimmt nicht? Kennt etwa jemand die „Interessengemeinschaft der europäischen Raucher“?

Was ist passiert in den letzten dreißig Jahren? Wie konnte sich das ehemalige Statussymbol „Rauchen“ derart auslöschen lassen? Warum erfindet kein Mensch motorhaubengroße Aufkleber für Autos, auf denen schwarz umrahmt steht: „Auto fahren kann tödlich sein“ oder „Auto fahren verursacht tödliche Abgase“, eine Tatsache, die mit Sicherheit mindestens genau so lange bekannt ist, wie die Wirkung von Nikotin. Man stelle sich einmal vor, das letzte verbliebene Statussymbol für Otto Normalverbraucher, unser Auto, würde einer derart massiven Ausrottungsstrategie unterzogen werden: wir würden nur noch demütig gebückt, mit einer Papiertüte über dem Kopf zu unseren von gesundheitsfanatischen „Passivfahrern“ zerkratzten Fahrzeugen schleichen, müssten in nicht klimatisierten, vollverglasten Großhallen unsere vorgezeichneten Runden fahren, wären von Sprüchen wie „Entschuldigen Sie, können Sie bitte woanders fahren? Ich vertrage das Kohlenmonoxid nicht“ verfolgt. Hinzu kommt, dass wir aufgrund der ungesühnten, permanenten Verlangsamung des Durchschnittstempos auf unseren Straßen dazu verdammt sind, mit 30 km/h umher zu kriechen, unfähig still und leise zu verschwinden. Wer gibt wem das Recht, permanent unser Leben unter dem Deckmantel der Verkehrs- und Gesundheitspolitik zu beschneiden, nur weil es auch in diesem Fall keine „Interessengemeinschaft für zügiges Auto fahren“ gibt?

Charles Darwin hätte an dieser Entwicklung ziemlich sicher keine Freude. Mit an zu sehen, wie seine Theorie der natürlichen Selektion und der damit verbundenen Anpassung an den Lebensraum durch schwarz umrandete „Was-ihr-übrigens-vorher-noch-nicht-wusstet-Aufkleber“ und Tempolimits auf dreispurigen Autobahnen mit Standstreifen, ad absurdum geführt wird, hätte ihn mit Sicherheit in den Wahnsinn getrieben. Wie sollen wir uns denn weiterentwickeln? Kann es tatsächlich das globale Gesamtziel sein, verantwortungsbewusste Menschen und Jack-Ass-glotzende genetische Sackgassen in einen Topf zu werfen und als Begründung eine schwere Kindheit anzuführen?

Sicherlich sind diese Ansichten radikal und pauschal. Sie gelten nicht für alle Bereiche unseres Lebens und auch hier ist es ungerecht, alles in einen Topf zu werfen und die berühmten Äpfel mit ökologisch angebauten Birnen zu vergleichen. Soviel für die Kritiker dieses Textes. Trotzdem liegt der Wunsch nahe, im Papst- und Weltmeister-der-Herzen-Land ein wenig Selbstbestimmung zurückkehren zu lassen. Wir können auch ohne permanente Einschränkung unseres Rechts auf freie Entfaltung leben und eines ist sicher: Egal ob Rauchen tödlich ist oder nur unsere Spermatozoen killt:

Leben ist tödlich - früher oder später.

daywalker2709 am 7.11.06 13:01

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


ein bein plus eins in der luft (15.11.06 12:08)
Hehe, 71 Jahre für Rudi Carell - das kommt bei dir so raus, als wäre es ein langes Leben.
Das ist zwar ein Alter, in dem ich mir meinen Abtritt vorstellen könnte - wäre in zwei Jahren. Und oft kommt nicht mehr gar so viel Erfreuliches nach.
Doch im Jahr 2006 ist das ein VORZEITIGER TOD!
Liebe Grüße dem Jungspund
Katja (die von den Satzkrobaten)

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