Karneval der Läufer

Es ist schon ein seltsames Völkchen, diese Marathonläufer. Mal davon abgesehen, dass es ihr Ziel ist, mehr als 42 Kilometer zu Fuß und ohne Pause zu rennen, gibt es wohl keine Sportart, bei der die Athleten sich derart geschmacksneutral präsentieren, dass man zunächst glaubt die örtliche Klapsmühle hätte Betriebsausflug.

Da ich persönlich wahrscheinlich nach zwei Kilometern Laufstrecke schon lustige, schwarz-gelbe Teerklümpchen ausspucken würde, sei an dieser Stelle bemerkt, dass ich tiefen Respekt vor allen habe, die sich dieser jahrhunderte alten Herausforderung stellen.

Aber bitte, läuft das Auge denn nicht mit? Ich meine, wer zum Teufel ist Stilberater bei Marathonläufern, optisch wie läuferisch? In welchem Leitfaden steht, dass man unbedingt Torwarthandschuhe von der Größe eines Teppichklopfers tragen muss, noch dazu als zierliche Frau? Gibt es beim Marathon denn keinerlei Regeln? Ein Fußballer kann doch auch nicht im Baströckchen auflaufen, nur weil er meint sein Genital werde dann besser belüftet.

Beim Münchner Medienmarathon waren alle versammelt. Egal ob jung, alt oder sogar steinalt, selbst eine Gruppe blutleerer Untoter durfte sich ein Nummernschild an die Brust oder an die Lende tackern und sich selbst, seinem Partner oder seinem Bewährungshelfer beweisen, wie überflüssig öffentliche Verkehrsmittel sind.

Ich will nicht gemeiner sein als nötig, daher erwähne ich den Barfußläufer

(Hallo? 8,5 Grad Celsius, regennasse Straße) und die Vielzahl verkrampfter weil ungepoppter Feministinnen an dieser Stelle nur kurz. Was mich viel mehr begeistert hat, waren optische Leckerbissen, die für schwindelerregende Einschaltquoten bei jeder Freakshow sorgen würden. Ein Beispiel: Wer lässt seinen Ehemann, etwa 68 Jahre alt, faltentechnisch ein eindeutiges Opfer der Schwerkraft, eine rosarote Leggins mit türkis-gelben Längsstreifen anziehen, die eindeutig zeigt, ob der Läufer Links- oder Rechtsträger ist, ohne dafür mit Musikantenstadl-Wiederholungen bis zum Eintritt der Bewusstlosigkeit bestraft zu werden? Frauen, warum quält ihr eure Männer so? Wo bleibt denn da die unantastbare Würde des Menschen, vor allem die des Zuschauers?

Jetzt mal Hand aufs Herz: Wer, liebe Läufer, berät euch bei eurem Laufstil? Ist es denn nicht schon schwer genug diese Strecke normal zu laufen? Müsst ihr wirklich eurer Individualität durch Hopsen, Schweben oder Watscheln Tribut zollen? Aber damit noch nicht genug. Da zum Überleben dieser Mörderstrecke scheinbar dreiviertel der Gehirnzellen abgeschaltet werden, vergesst ihr sogar, eure Arme zu bewegen. Stattdessen lasst ihr sie wie einen Klumpen totes Fleisch herunterhängen oder zwingt sie, rechwinklig angezogen an euren Achseln zu kleben. C3PO würde sich auf seine metallischen Schenkel klopfen, wenn er das sehen würde.

Ich habe noch einen anderen Verdacht. Auf Euch wartet zu Hause niemand und ihr seid auf Partnersuche, denn die Zahl glotzender Klatschmaschinen, die am Straßenrand „Ja, Bodo, du schaffst es“ oder „Weiter so, Heinz-Rüdiger“ rufen, ist verhältnismäßig gering. Böse Zungen behaupten sogar, die würden nur klatschen, weil ihnen kalt ist. Diejenigen, deren Kopf nach 20 Kilometern noch nicht einem geplatzten Kürbis ähnelt, suchen ihren Traumpartner, da bin ich mir sicher. Warum sonst tragt ihr Gürtel, in denen Flaschen mit einer gallegrünen Kombucha-Eigenurin-Mischung darauf warten, getrunken zu werden? Warum sonst steckt ihr Euch zwei zusammengeklebte Trinkröhrchen unter euer sauer verschwitztes Stirnband, während Daniel Küblböck aus dem Knopf in Eurem Ohr „Superstar“ dudelt? Man muss auffallen, sich abheben von der Heerschar anderer Läufer, auch wenn man(n) dabei über die schwarze Glanzleggings eine hellblaue Fußballershort zieht. Alles ist erlaubt.

Ich werde es wohl nie verstehen, weil ich euch nicht kenne. Oder doch? Läuft da hinten nicht mein Sachbearbeiter aus dem Finanzamt und da, das ist doch der Polizist, der mir neulich wegen fehlender Thermodecke einen Strafzettel aufgebrummt hat. Nein, doch nicht, aber ich frage mich schon, was ihr den Rest eures Lebens so macht. Seid ihr Maistester in einem Genlabor? Oder Aliens, die 364 Tage lang in einem Alkofen Energie tanken um irgendwann einmal die Weltherrschaft zu übernehmen? Ich weiß es nicht, aber beim Gedanken an eine Armee rosaroter Radlerhosenträger (mit Poposchoner), die barfuß im Stechschritt marschierend die sofortige Abtrennung der Arme vom Rumpf fordern, wird mir schlecht. Ich verwerfe diese Idee, setze mich in mein Auto und fahre los, rüber zum Bäcker. Da gibt’s frische Croissants und meine Zigaretten sind auch leer.

Nächstes Jahr bin ich auf jeden Fall wieder dabei. Beim Karneval der Läufer in München.

2 Kommentare daywalker2709 am 8.11.06 13:38, kommentieren

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Die Geschichte vom Nikolaus

Vor langer, langer Zeit saßen im Himmel zwei kleine Engel auf einer Wolke und schauten hinab zur Erde. Sie sahen Vögel, die sich im Wind treiben ließen, beobachteten Pferde, die auf grünen Wiesen galoppierten und sie sahen Männer und Frauen, die auf Feldern arbeiteten, Wäsche wuschen oder in der Küche standen und kochten. Und sie sahen Kinder, überall waren Kinder. Manche lachten, manche weinten, manche spielten, manche halfen ihren Müttern und Vätern bei der Arbeit und wieder andere schliefen.
„Weißt du“, sagte plötzlich der eine Engel „ich finde wir sollten den besonders lieben und fleißigen Kindern etwas schenken.“
„Wie kommst du denn jetzt darauf?“ antwortete der andere Engel.
„Na ja, schau mal: Es gibt so viele Kinder, die Ihren Eltern Freude bereiten und brav sind. Die müssten wir doch belohnen, oder?“
„Na gut“ antwortete der andere „du gibst ja sowieso keine Ruhe“.

Als die Engel mit Petrus über ihre Idee sprachen, war er sofort begeistert. Sie überlegten, wann denn ein guter Zeitpunkt wäre, um den Kindern die Geschenke zu überreichen. Zuerst wollten sie es im Sommer machen, wenn es draußen schön warm ist. Aber dann fiel ihnen ein, wie beschwerlich es wäre, wenn man in der großen Hitze die ganzen Geschenke so schwer schleppen muss. Deshalb beschlossen sie, dass der Winter viel besser geeignet ist. Petrus schlug vor, die Geschenke in einen großen Sack zu stecken. Ein Engel hielt den sechsten Dezember für den idealen Termin, ein anderer Engel schlug einen Schlitten mit Rentieren vor, auf dem der Überbringer fahren sollte. Alle waren hellauf begeistert bis zu dem Moment, als ein kleiner Engel, der bisher nichts gesagt hatte, ganz leise fragte:
„Und wer soll die Geschenke bringen?“
Plötzlich war es ganz still. Sie schauten sich fragend an und murmelten leise vor sich hin. Aber keiner hatte eine Idee, wer diese große Verantwortung übernehmen könnte, wer so stark ist, all die Geschenke zu tragen und vor allem, wer den riesigen Schlitten fahren kann. „Ruhe“ rief Petrus auf einmal. „Seit doch mal ruhig, ich habe eine Idee“ fuhr er fort.
„Alle die denken, sie wären die Richtigen, sollen sich nacheinander vorstellen und wir drei wählen dann den Besten aus.“
Die Engel schauten sich an und nickten mit dem Kopf. „Das ist eine gute Idee“ riefen sie begeistert.
„Dann fliegt los und erzählt jedem davon. Heute in einer Woche treffen wir uns genau hier wieder und dann wählen wir drei den Besten aus.“
Eine Woche später waren über 50 Leute gekommen um sich vorzustellen. Um den Richtigen zu finden, hatte sich Petrus drei Aufgaben ausgedacht. Zuallererst musste jeder einen bestimmten Satz vorlesen. Als zweites mussten sie den großen, schweren Sack mit den Geschenken tragen und zu guter letzt musste jeder noch eine Runde mit dem Schlitten fahren.
Der erste Kandidat hieß Herr Brommel und er war riesengroß und sehr stark. Petrus gab ihm einen Zettel, auf dem der Satz geschrieben stand, und Herr Brommel fing sogleich an, ihn vorzulesen: „Ho, ho, ho, liebe Kinder. Ich bringe euch Geschenke, weil ihr so fleißig und lieb wart.“
Petrus war begeistert und auch die Engel klatschten Beifall. Dann ging Herr Brommel zu dem schweren Sack mit den Geschenken, hob ihn hoch und trug ihn über den Platz zum Schlitten. Als er dort ankam blieb er plötzlich stehen, stellte den Sack ab, holte tief Luft und nieste, immer und immer wieder. Er konnte gar nicht mehr aufhören.
„Was hast du denn?“ fragte Petrus besorgt.
„Oh je, ich glaube, das sind wohl die Haare von den Rentieren. Die kitzeln ganz doll in meiner Nase und jetzt muss ich immerzu niesen. Tut mir furchtbar leid, aber das wird wohl nichts“ entschuldigte sich Herr Brommel.
„Uns tut es auch leid, aber wir haben ja Gott sei Dank noch viele andere, die draußen warten und ihr Glück versuchen wollen.“
Einer nach dem anderen stellte sich vor, aber bei jedem war irgendetwas nicht gut. Der eine hatte Bärenkräfte aber eine Piepsstimme, der andere hatte eine tolle Stimme, konnte aber nicht lesen und wieder ein anderer konnte den schweren Sack mit den Geschenken nicht einen Zentimeter hochheben. Petrus und die Engel waren schon am Verzweifeln. Nur noch ein Einziger saß draußen.
„Wie heißt denn unser letzter Freiwilliger?“ fragte Petrus mit erschöpfter Stimme.
„Es ist ein Herr Laus“ sagte ein Engel.
„Oh je. Hoffentlich ist er nicht nur so groß wie eine Laus. Ruft ihn herein.“

Als die Tür aufging, trat ein kleiner, dicker Mann ein, der einen umso größeren, weißen Bart trug.
„Hallo, mein Name ist Laus, Nikolas Laus. Ich will Euch meine Dienste anbieten.“
Petrus und die Engel schauten sich an und plötzlich war da ein kleiner Funken Hoffnung.
„Lies uns doch bitte einmal diesen Satz vor“ sagte Petrus und reichte ihm den Zettel.
Herr Laus räusperte sich kurz und begann zu lesen.
„Ho ho ho, liebe Kinder. Ich bringe Euch Geschenke, weil ihr so fleißig und lieb wart.“
Die Engel klatschten Beifall und auch Petrus war beeindruckt.
Als nächstes ging Herr Laus zu dem großen Sack und hob ihn hoch.
„Trag ihn bitte zum Schlitten“ sagte Petrus und betete, dass er es schaffen würde.
Herr Laus ging zum Schlitten und setzte den Sack ab.
Oh nein, dachte Petrus, hoffentlich muss er nicht auch niesen. Doch genau in diesem Moment geschah etwas Wunderbares. Herr Laus streichelte den Kopf des vordersten Rentieres. Er flüsterte ihm etwas ins Ohr, kraulte anschließend die anderen fünf Rentiere am Kopf und setzte sich dann auf den Schlitten. Wie von selbst trabten die Tiere los und Herr Laus fuhr drei Runden um den ganzen Platz. Als er wieder zum Stehen kam, rannten Petrus und die beiden Engel schon auf ihn zu.
„Du bist es. Ja genau, du bist der Richtige“ riefen sie „du bist unser….“
Sie wollten seinen Namen rufen, aber sie hatten ja noch gar keinen ausgesucht.
„Wie nennen wir dich denn überhaupt?“ fragte Petrus, der inzwischen auch am Schlitten angekommen war.
„Meine Freunde nennen mich Niko“ sagte Herr Laus und einer der Engel sagte:
„Nikolas Laus. Niko Laus, NIKOLAUS! Das ist es. Du bist der Nikolaus und dein weißer Bart passt prächtig zu dir. Die Kinder werden ihn lieben. Jetzt nähen wir dir noch einen schönen, warmen Mantel, damit du auf deiner langen Reise nicht frierst.“
„Und mit dieser Glocke, läutest du immer dann, wenn ein Kind von dir Besuch bekommt“ ergänzte der andere Engel und schwenkte eine goldene Glocke in seiner rechten Hand.
Gesagt, getan und so bekam der Nikolaus einen wunderschönen, roten Mantel mit einer flauschig warmen Kapuze, eine goldene Glocke und einen riesigen Sack voller Geschenke. Seit dieser Zeit ist er unterwegs und bringt den Kindern auf der Erde jedes Jahr am sechsten Dezember leckere Süßigkeiten und schöne Spielzeuge, wenn sie besonders lieb und brav waren.

ENDE

2 Kommentare daywalker2709 am 12.12.06 09:22, kommentieren

ß-Störungen

Das Leben ist schon ungerecht für ein „ß“. Ich meine, man muss sich mal vorstellen, wie das ist in der heutigen Zeit, so als unschuldiges Opfer einer Rechtschreibreform.

Ich kann mich noch gut erinnern, damals in der Schule, als der Schnee noch drei Meter hoch lag und wir 2 Stunden zu Fuß (da war wieder eines) ohne Schuhe in die Schule gegangen sind, da war die Welt noch in Ordnung. Dem „ß“ ging es richtig prima. Ich kann mich noch gut an die leuchten Augen von mir und meinen Mitschülern erinnern, wie wir andächtig dem Lehrer zuhörten, als er uns vom „Dreierles-Ess“ erzählte. In unserer schwäbischen Kleinstadt gab es nicht viel Neues und umso wertvoller war die Erkenntnis über diesen neuen Buchstaben. Während wir damit befasst waren, dem neuen Buchstaben durch intensive Schreibübungen, die angemessene, formvollendete Ehre zu erweisen, wuchsen Ideen in meinem Kopf, wie es wohl aussieht, das „ß“. Ist es klein, mit Sommersprossen unter einem roten Wuschelkopf? Ach nein, das war ja Pumuckel oder war es das Sams? Ist ja auch egal. Es war sozusagen Platzhalter für viele tolle Abenteuer und in meinem kindlichen Hirn formten sich Ideen für Geschichten mit Titeln wie „ß geschah am hellichten Tag“ oder „Das lustige ß auf großer Reise“.

Auch die Industrie entdeckte das Potential dieses ästhetischen Buchstabens. Wer erinnert sich nicht an die leckeren „Eszett“-Schnitten in Vollmilch, später auch mit künstlichem Orangenaroma. Ein Buchstabe als Werbeträger, toll. Heute unverstellbar, da Begriffe wie „B-Riegel“ oder „Y-Scheibe“ eher doof klingen. Der Fairness halber sei an dieser Stelle erwähnt, dass die Amerikaner mit ihren „M&M“s am ehesten an die Erfolge der Eszett-Schnitte anknüpfen können. Nicht zuletzt der zugegeben nordisch-kühle Begriff „Eszett“ für unser lieb gewonnenes „Dreierles-Ess“ waren Anzeichen für einen bevorstehenden Wandel.

Als dann die für mich als Linkshänder diskriminierende Rechtschreibreform auf den Plan trat, ging es auch mit unserem „ß“ bergab. Die Zeiten wurden hart für unseren kleinen Freund, der in keiner einzigen Emailadresse vorkommen durfte, der niemals als stolzer Teil einer Webadresse in einem Browserfenster stehen würde. Aber „ß“ wollte kämpfen. Doch die hohen Herren der Reform, hatten mit ihm etwas anderes vor, gleichbedeutend mit einer Klimakatastrophe, die ehemals stolze Kolosse der Vorzeit zu eingefrorenen Mammuts verwandelte. Plötzlich „muß“ man nichts mehr und auch das so intensiv erlernte „daß", auf das unser „ß“ so stolz war ob seiner tiefschürfenden Verkettungswirkung, wurde umgewandelt.

Das „ß“ wollte niemals etwas Böses. Nur sein Recht auf Gleichberechtigung, auf Anerkennung als Minderheit im endlosen Meer vom Buchstaben, Wörtern und Anglizismen. Es hat nie darum gebeten, im Duden seitenweise Widmungen zu bekommen und, meine lieben Freunde, es hat auch nicht gewollt, dass Menschen wie wir, sich in die Wolle kriegen und sich darüber streiten, welche Regel, egal ob in der Schweiz, in Deutschland oder in Österreich, die Richtige ist.

Bitte lasst uns gemeinsam verhindern, dass ß-Störungen unser Leben derart negativ beeinflussen.

 

1 Kommentar daywalker2709 am 8.11.06 09:28, kommentieren

Aqualogisches

Es ist schon seltsam, wenn man heutzutage durch eine Fußgängerzone schlendert und beobachtet, wie viele Menschen unter plötzlicher Austrocknungshysterie leiden. Wenn man die wissenschaftliche Tatsache zu Grunde legt, dass ein Mensch etwa zwei Tage ohne Wasser überleben kann, ist es umso erstaunlicher, dass ein neuer Trend unaufhaltsam in unser Leben Einzug hält: Wasser trinken – immer und überall.

Die Marketingstrategen der Wasserproduzenten (gibt es so etwas wirklich?) haben wirklich ganze Arbeit geleistet und schon beim Design der Flasche, natürlich aus leichtem PET, darauf geachtet, eine tragbare, leicht feminine Form zu wählen. Ein klangvoller Name auf einem Etikett, das durch zarte, naturverbundene Farbtöne dezent auf Gesundheit und Frische hinweist, rundet das Erscheinungsbild der neuen Biodroge ab. Wo einst ein schickes Handtäschchen von Gucci am Handgelenk baumelte, signalisiert jetzt das Fläschchen Wasser die neue Form von Freiheit: Schaut her, ich bin gesund und kann trinken – wann und wo auch immer ich will.

Wie bei jedem Trend ist auch bei diesem schon jetzt eine unerträgliche Übertreibung der ärztlichen Forderung nach zwei Liter Flüssigkeitsaufnahme pro Tag, zu erkennen. Egal ob am Postschalter mit einem Riesenpaket unterm Arm oder in einem prall gefüllten H&M Laden, immer wieder sieht man, wie plötzlich jemand ein kleines Vittel oder Evian Fläschchen zückt und gierig schluckend seiner/ihrer Umwelt signalisiert: Ich will jetzt trinken, mein Körper braucht das jetzt.

Vorbei sind die Zeiten, wo das Volk Zitronen- oder Orangenlimonade getrunken hat. Auch das zumindest noch lebendige Mineralwasser mit Kohlensäure ist out. Obwohl der durchschnittliche Beckmann-Imitator sämtliche Inhaltsstoffe nur durch den Aufdruck auf dem Etikett erkennen kann, philosophiert er über den Geschmack des Wassers. Hallo? Hat uns jemand unbemerkt einen Chip für chemische Wasseranalysen eingepflanzt oder warum glauben plötzlich Menschen, die einen edlen Rotwein nicht mal von einem Glas Traubensaft unterscheiden können, dass diese tote Plörre auch nur annähernd nach etwas anderem schmeckt als zum Beispiel dem Döner, den man zehn Minuten zuvor verschlungen hat?

Jeder Trend vergeht und bei diesem hoffe ich persönlich, dass er bald ertrunken ist: in einem schönen, kalten Glas randvoll gefüllt mit prickelnder Coca-Cola.

1 Kommentar daywalker2709 am 8.11.06 09:13, kommentieren

Schachzüge

Dicke Regenwolken zogen über Stuttgart, als ich an diesem Tag meinen aktuellen Fall zu Ende bringen wollte. Seit zehn Jahren war ich inzwischen unterwegs, auf der Suche nach der oft unbequemen Wahrheit. Als ehe­maliger Kriminalhauptkommissar hatte mir mein Riecher für Lügen und Intrigen die Arbeit oft erleichtert. Das Schema war fast immer das gleiche: Ermittlung durchgeführt – Wahrheit präsentiert – Auftraggeber erfreut oder am Boden zerstört – Geld bekommen. Eintönig aber einbringlich. Für heute hatte ich jedoch einen besonderen Showdown geplant.

 

Ich verließ mein Appartement gegen neun Uhr. Feuchter Nieselregen kroch in mein Genick, als ich die Haustür öffnete. Ich schlug den Kragen meines Trenchcoats nach oben und vergrub mein Gesicht darin. Da der Treffpunkt mit meinem Auftraggeber in der Fußgängerzone war, beschloss ich, zu Fuß zu gehen. Noch bevor die massive Eichentür des anonymen Zwölffamilienhauses ins Schloss fiel, hatte ich die Gegend mit einem routi­nierten Blick geprüft. Eine Übung, die ich reflexartig praktizierte, da man als Privatschnüffler schnell vom Jäger zum Gejagten werden konnte.

 

Ich erinnerte mich noch genau, wie dieser Vaisberg vor zwei Wochen zu mir gekommen war. Ein Hüne mit breiten Schul­tern, die sich unter einem schwarzen Seidenanzug von Armani abzeich­neten. Er hatte diesen Tick, sich permanent durch sein zu hell blondiertes Haar zu streichen und den Kopf dabei lässig in den Nacken zu werfen. Ein echter Unsympath.

Er wollte wissen, ob seine Frau ihn betrüge. Dabei redete er ohne Unter­brechung, erzählte von Ala, seiner Tochter, gab mir ein Bild seiner Frau und wollte wissen, was es koste. Wir vereinbarten ein Honorar von 2.500.- Euro plus Spesen und er gab mir seine Handynummer.

Als es am nächsten Morgen an meiner Tür klingelte, sah ich durch den Spion in das verheulte Gesicht einer Frau in den Dreißigern. Ich bat sie herein. Nachdem sie mir ihre Geschichte der hintergangenen Ehefrau erzählt hatte und dabei mehrmals in herzzerreißende Heulkrämpfe ausgebrochen war, zeigte sie mir ein Bild des vermeintlichen Betrügers. Mir stockte der Atem, als ich darauf meinen Klienten vom Vortag erkannte. Sie hielt das Bild in ihren langen, schmalen Händen, die zwar zitterten, aber perfekt zu ihrer Erscheinung passten. Glattes, pechschwarzes Haar, sinnlicher Mund, zierliche Figur. Ich war überwältigt. Ihr süßes Parfüm betörte mein Gehirn. Ich beschloss, auch ihren Fall zu übernehmen, erzählte ihr aber nichts von ihrem Mann.

 

Die nächsten Tage verbrachte ich damit, intensiv zu recherchieren. Aller­dings in eine andere Richtung, als die beiden glaubten. Ich wollte diese Frau haben und so tat ich alles, um ihren Mann von ihr fernzuhalten. Ich schlug ihm vor, eine Reise zu machen und seine Tochter gleich mitzu­nehmen. Er müsse für eine Woche verschwinden, um seine Frau dann auf frischer Tat zu ertappen. Vaisberg war einverstanden, buchte für sich und seine 18-jährige Tochter zwei Hotelzimmer auf Teneriffa und kam nach drei Tagen, unter dem Vorwand eines dringenden geschäftlichen Termins alleine wieder zurück. Damit seine Frau keinen Verdacht schöpfen konnte, sagte ich ihm, er solle sie regelmäßig anrufen und so tun, als sei er noch auf Teneriffa. Er solle ihr eine spannende Geschichte über die Tochter erzählen und sie mit einer erfundenen Bootsfahrt eifersüchtig ma­chen. Nach diesem Telefonat wollten wir uns treffen, um das weitere Vor­gehen zu besprechen.

 

Ich hatte die Fußgängerzone erreicht und sah in einiger Entfernung die Telefon­zelle, bei der wir uns treffen wollten. Vaisberg war pünktlich und als ich näher kam, hatte er den Hörer bereits in der Hand und tippte die Nummer ein. Ich beobachtete, wie er zu sprechen begann und als ich keine zehn Meter entfernt unter einem Vordach einer kleinen Boutique etwas sah, wusste ich, dass mein Plan funktionieren würde.

 

Ich traf mich auch einige Male mit Frau Vaisberg, Natalia, wie ich sie in­zwischen nennen durfte. Ich erzählte ihr, dass ihr Mann eine Geliebte habe und diese während eines Urlaubs wieder treffen wolle. Um ihn auf frischer Tat zu ertappen, schlug ich ihr vor, die Rufum­leitung von ihrem Festnetzanschluss auf ihr Handy zu aktivieren und zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Fußgängerzone zu sein, wo er sich mit seiner Geliebten treffen wollte. Sie stimmte zu.

 

Als sich die Figuren aufeinander zu bewegten, hatte ich Stellung bezogen. Vaisberg hatte gerade aufgelegt und drehte sich um. Als er seine Frau sah, riss er die Augen weit auf. Noch ehe er etwas sagen konnte, gab sie ihm eine Ohrfeige und brach in Tränen aus. Jetzt war es Zeit für meinen Auftritt.

„Du Schwein, wie konntest du mir das antun?“ schrie sie hysterisch.

„Natalia, bitte, hör mir zu. Ich kann dir alles erklären!“

Zielstrebig ging ich auf die beiden zu und stellte mich beschützend vor Natalia.

„Meine Liebe, so beruhigen Sie sich doch. Ich weiß, es ist schlimm für Sie.“ Sie legte ihren Kopf an meine Schulter und schluchzte laut.

Vaisberg packte mich an meinem Mantel und wollte mir mit geballter Faust seine Antwort auf mein Ränkespiel direkt ins Gesicht prügeln.

„Hör auf!“ schrie Natalia „oder willst du noch mehr Menschen unglücklich machen?“

„Dieser Kerl hat das alles eingefädelt, bitte glaube mir!“ Vaisbergs Stimme vibrierte vor Hass und Verzweiflung.

„Ja, genau. Red´ dich nur wieder raus, du Weiberheld. Ich lasse mich scheiden. Verschwinde aus meinem Leben. Ich hasse dich.“ Natalia schluchzte und zitterte am ganzen Körper, aber in mir hatte sie ja jetzt einen neuen Beschützer. Ich triumphierte innerlich.

Vaisberg erkannte seine Niederlage und verschwand unter wilden Dro­hungen, mich dafür büßen zu lassen. Jetzt war der Weg frei zu meiner neuen Liebe.

 

„Natalia?“ Ich strich ihr zärtlich durchs Haar. „Geht es wieder?“

Langsam nahm sie ihren Kopf von meiner Schulter.

„Nimm deine Finger da weg!“, fuhr sie mich an. In ihren Augen war keine ein­zige Träne zu sehen. Ich verstand überhaupt nichts mehr.

„Wie, ich meine, was ist denn los?“

„Hast du im Ernst geglaubt, ich fange etwas mit so einem Schwachkopf wie dir an? Als mir mein Freund, übrigens ein weitaus brillanterer Detektiv als du es bist, erzählt hat, dass mein Mann einen Schnüffler auf mich angesetzt hat, wusste ich, was ich zu tun hatte.“

„Aber, du hast doch gesagt…“

„Nichts habe ich gesagt. Geträumt hast du das wohl. So und jetzt ver­schwinde aus meinem Leben.“ Sie stieß mich unsanft von sich.

Am Ende der Fußgängerzone stand ein schwarzes BMW Cabrio. Ein braungebrannter Typ stieg aus und kam auf uns zu. Natalia ging zu ihm und umarmte ihn stürmisch. Dann fuhren die beiden davon. Während ich ihnen fassungslos nachsah, wurde mir klar, dass ich in meinem raffiniert inszenierten Schachspiel zum Bauernopfer geworden war.

1 Kommentar daywalker2709 am 8.11.06 09:37, kommentieren

Staubige Erinnerungen

Dieser kalte, regnerische Augusttag war wie bestimmt für unser Vorhaben. Tobi, mein elfjähriger Sohn und ich, wollten ausmisten. Auf unserem Dachboden hatte sich über die Jahre eine Menge Gerümpel angesammelt. Wir zogen unsere ältesten Klamotten an, frühstückten ein paar Vitamine und machten uns auf zur „Expedition Dach“, wie wir es nannten. Wir standen im zweiten Stock unseres Einfamilienhauses und betrachteten die angerostete Metallöse an der Decke.

„Hier müssen wir rauf.“ sagte ich mit einem Reinhold-Messner-Dialekt, so als ob wir den Mount Everest besteigen wollten. Tobi kicherte und reichte mir den Stab, an dessen Ende ein Haken eingeschraubt war, mit dem man die Luke zu unserem Dachboden aufziehen konnte. Nachdem ich den Haken eingefädelt hatte, zog ich vorsichtig an, und die Luke öffnete sich unter gequältem Quietschen einen Spalt. Der Geruch von längst Vergessenem gemischt mit modrigem Holz drang in unsere Nasen und wir verzogen beide das Gesicht zu einer angeekelten Grimasse. Anschließend hakten wir die Holztreppe aus, die an der Luke befestigt war und ließen sie vorsichtig auf den Boden gleiten. Tobi schaute etwas ängstlich nach oben in das dunkle Nichts, das all die Kostbarkeiten verbarg.

„Bereit?“ fragte ich Tobi.

„Bereit, wenn Sie es sind, Sir!“ antwortete Tobi und kicherte wieder.

Ich stieg die Treppe hinauf und tastete nach dem Lichtschalter. Tobi war hinter mir und wartete gespannt. `Klick`, ich hatte ihn gefunden. Langsam betrat ich den Dachboden. Das Licht war nicht sehr hell, aber ausreichend. Mein Blick streifte über Kisten, alte Computer, einen Fernseher und mehrere Paar Ski, die vor sich hin staubten. Tobi war inzwischen auch oben angekommen und beobachtete, wie ich eine der Kisten langsam öffnete.

„Meine Güte“, rief ich und kramte etwas heraus, das ich schon viele Jahre nicht mehr gesehen hatte.

„Was ist das?“, fragte Tobi neugierig.

„Das ist mein uraltes Bluetooth Headset.“, antwortete ich und schob mir das graue Ding über mein linkes Ohr.

„Hi, hi, siehst du lustig aus. Wofür war denn das?“

„Ja, weißt Du, früher hatte man Handys, also tragbare Telefone und um das Telefon nicht ständig am Ohr zu halten, gab es diese Freisprechanlagen, die man sich ans Ohr klemmen musste.“

„Hä? Zwei Teile und auch noch so groß? Das ist ja unpraktisch!“

„Ja, aber weißt Du, die Kommunikatoren von heute sind ja daraus entstanden. Und dass man die Dinger implantieren kann ist ja auch noch relativ neu.“

Ich kam mir steinalt vor.

„Was ist denn das?“

Tobi hatte meine mühsam erarbeitete Antwort bereits gespeichert und hielt mir ein Fotoalbum unter die Nase.

„Ja, also hier sind Fotos drin, die wir nach tollen Erlebnissen eingeklebt und beschriftet haben.“ Ich blies den Staub vom Deckel und schlug das Album langsam auf. „Schau, hier zum Beispiel, das war unsere Hochzeitsreise nach Mexiko.“

„Mexiko? Das gab es da noch? Da war doch das schlimme Erdbeben, oder?“

„Ja genau. Hast Du den „History-Chip“ schon bekommen oder woher weißt Du das?“

„Das war letzte Periode schon.“, antwortete Tobi etwas verärgert über meine Frage.

„Oh, verstehe. Hab ich wohl vergessen, sorry!“

„Ist nicht so schlimm. Machen wir weiter? Macht Spaß.“

„Ja, klar. Hier, schau.“ Manchmal war ich überrascht, wie sachlich dieser Junge argumentieren konnte. Ich blätterte weiter in dem Album, das ich mit meiner Frau damals von Hand gebastelt hatte.

„Das war mein erstes Auto, das ich bar bezahlt hatte.“ Stolz zeigte ich ihm das Bild eines schwarzen BMW 320 Diesel.“

„Stimmt, damals hatte ihr bunte Papierscheine auf denen Zahlen standen und mit denen ihr Sachen bekommen habt, oder?“

„Ja, Du hast Recht, mein schlauer Sohn. Das war vor der Zeit der Instabilisierung. Damals waren die Dinge noch komplizierter als heute, wo jeder alles bekommt.“

„Dann bin ich froh, dass ich heute lebe!“

„Wollen wir es aufheben?“ fragte ich Tobi um auf unsere ursprüngliche Absicht zurückzukommen.

„Ja, auf jeden Fall. Es gibt so viele Dinge nicht mehr, die Dir etwas bedeuten.“

„Du hast Recht. Es frisst ja kein Brot.“ Tobi lachte wieder. Er sah sich um und entdeckte ein Paar dunkelblaue Carving-Ski von Rossignol, die in einer Ecke standen.

„Ist das mal ein Zaun gewesen?“

„Nein, das war zum Ski fahren. Wir fuhren in die Berge, wo immer reichlich Schnee war, Du weißt…“ Tobi nickte und ich fuhr fort. „Ja, also, Schnee war ein ganz tolles Element. Kalt, aber man konnte tolle Sachen damit machen. Schneeballschlachten, Ski fahren“, ich deutete auf meine Carver, „Iglus bauen. Es gab sogar Völker, die nur im Schnee lebten.“

„Ach Papa, Du kannst so schöne Geschichten erzählen.“

„Und so wahre. Weißt Du, auch wenn es uns jetzt gut geht und die Klimakuppeln dafür sorgen, dass wir nicht von tödlichen Gammastrahlen getroffen werden, damals war es auch schön.“

„Wer hat denn das Wetter gemacht?“ Tobi schien das erste Mal seit langer Zeit überrascht.

„Das Wetter hat sich selbst gemacht. Das ganze Jahr über. Es gab vier Jahreszeiten und jede hatte ihre guten und schlechten Seiten.“ Ich wuschelte Tobi durchs Haar.

Er wurde plötzlich sehr nachdenklich. Ich sah eine Träne in seinem linken Auge und bekam ein schlechtes Gewissen. War es zu früh für die Wahrheit gewesen?

„Papa? Erzählst Du mir mehr? Ich habe ein wenig Angst davor, aber ich möchte mehr wissen.“

„Aber das ist doch alles schon lange vorbei. Willst Du wirklich mehr wissen?“

„Ja, Papa. Warum macht sich das Wetter nicht mehr selber?“

„Weißt Du, wir Menschen sind seltsame Lebewesen. Es gibt uns jetzt seit ungefähr 20.000 Jahren. Kein anderes Lebewesen hat in so kurzer Zeit die Erde so ausgebeutet, wie wir.“

Tobi hatte sich an meine Schulter gelehnt und schluchzte leise.

„Warum sind wir so, Papa?“

„Einige Wissenschaftler meinen, dass unsere Gene daran schuld sind. Wir sind so gebaut, dass sich alle menschlichen Bemühungen auf drei Punkte reduzieren lassen: Macht, Kontrolle und Geld. Um diesen Vorgang zu bremsen, haben die Politiker im Jahre 2021 die World Carta niedergeschrieben.“

„Was ist die World Carta, Papa?“

„Ein Gesetz, dass alles, was auf der Welt geschieht, genau regelt. Wer sich nicht daran hält, wird auf Epsilon 4, eine Kolonie im früheren Russland, verbannt. Das Geld haben wir abgeschafft, nachdem vor vielen Jahren der Terrorismus überall auf der Welt viel Leid anrichtete. Menschen wurden getötet, Gebäude wurden zerstört. “

„So wie der Eiffelturm in Paris?“ Tobi hatte mich inzwischen fest umarmt.

„Ja, genau. So wie der Eiffelturm oder die Golden Gate Brücke, der Big Ben in London und natürlich die Twin Towers in New York.“

„Was hat das mit Geld zu tun?“

„Wer Geld hatte, war mächtig. Egal ob Regierungen, Religionen oder einzelne Menschen. Es ging immer nur um Macht und Kontrolle. Für Terrorangriffe brauchte man viel Geld um den Menschen Angst zu machen. Damit konnte man sie besser kontrollieren.“

„Wir Menschen sind wirklich komisch.“, sagte Tobi nachdenklich.

„Ja, Du hast Recht mein Sohn. Wir haben unseren Planeten solange ausgenutzt, bis er sich gewehrt hat. Die Erdbeben und Wirbelstürme überall auf der Welt, riesige Flutwellen, Überschwemmungen, na ja, den Rest kennst Du aus deinem History-Chip, oder?“

„Ja, Papa. Daher kamen dann die Klimakuppeln, stimmts?“

„Genau. Aber genug jetzt. Ich erzähl Dir ein anderes Mal mehr darüber.“

„Aber Papa, ich…“

„Keine Widerrede. Die Regenphase ist gerade vorbei. Willst Du nicht ein wenig nach draußen. Jetzt sind die 3 Sonnenstunden dran.“

„Na gut.“ Tobi lockerte seine Umarmung und sah mich an.

„Papa?“

„Ja, mein Sohn.“

„Gibt es noch Hoffnung für die Menschen?“

„Es gibt immer Hoffnung!“

Tobi ging vorsichtig die Treppe hinunter. Auf der untersten Treppe drehte er sich um und sah mich an.

„Ich hab Dich lieb, Papa.“

„Ich Dich auch.“

 

1 Kommentar daywalker2709 am 28.2.05 17:13, kommentieren

Tagebuch eines Schachtelteufels

Sonntag, 9.00 Uhr MEZ

Ich sitze in meinem Auto und überlege, warum ich um diese Uhrzeit nicht, wie etwa 400 Milliarden andere Menschen um diese Zeit, im Bett liege und im Traum auf einem stolzen Einhorn reite und blöde Trolle besiege.

Irgendetwas in mir zieht meine Synapsen auf schlechte Laune und ich vermute, dass mein Ruhepuls heute nie unter 100 kommen wird. Ein Vulkan auf Reisen, prima.

 

Sonntag, 9.30 Uhr

Ui toll, in der Halle sind lauter Kinder, ach nein, es muss heißen laute Kinder. Ohne jetzt zu sehr zu übertreiben rennen, toben, bollern, schreien, kreischen und brüllen etwa 1.500 Drei- bis Sechsjährige in der Gegend rum als würden sie die Fortsetzung von „Das Omen“ drehen oder wissen das heute ein Exorzist in die Halle kommt.

Ich freu mich aufs Einschlagen. Der Exorzist bin ich.

 

Sonntag 10.00 Uhr

Das Einschlagen war nix. Liegt wohl daran, dass unsere armen Zuspieler die kleinen Rauchwölkchen aus meiner Nase aufsteigen sahen und sich zu sehr erschrocken haben. Irgendwie riecht es hier nach Schwefel.

 

Sonntag, 10.15 Uhr

Wir spielen immer noch gegen die Schapanesen. Wir liegen vorne und ich überlege, ob man auf dem Spielfeld auch Zäpfle trinken darf.

Lösch ihn, mach ihn aus, bevor er hochgeht, grmblfx.

 

Sonntag, 11.00 Uhr

Wir haben die Schapanesen besiegt. 2:1, ein Kampfsieg. Die erste Zigarette steckt in meinem Mund. Niemand hat gesehen, dass ich sie mit einem Blick angezündet habe.

Ich überlege kurz, bei wie vielen ich mich jetzt schon entschuldigen muss.

 

Sonntag, 11.30 Uhr

Zweites Spiel. Gegenüber macht sich ein kammgegelter Sprungolm warm. Der gleiche Freak, der etwa zwei Stunden zuvor mit seinem blauen, heckbespoilerten BMW Dreier in die Tiefgarage gequietscht kam und ich mit einer Träne im Knopfloch einen Moment verharrt war um zu überlegen, wann ich das letzte Mal TicTacToe auf eine Metallicklackierung geritzt hatte.

 

Sonntag, 11.45 Uhr

Der Sprungolm verpufft wie Maciek es prophezeit hatte. Christof blockt in etwa 2,80 Meter Höhe einen seiner Angriffe und auch seine Grundtechniken zeugen von popogekorkter Grobmotorik. Hoffentlich bleibt der Korken drin.

Am Ende meines Gemütshorizontes erkämpft sich ein zarter Gute-Laune-Lichtstrahl den Weg durch die dunklen Gewitterwolken.

 

Sonntag, 12.02 Uhr

2:0 gewonnen. „Das erste Zäpfle“ in der Hand und wie bei allen gemütskranken Alokoholikern, hick, stellt sich schnell ein Grinsen ein, das den Coladose-querdrinsteck-und-trotzdem-damit-rumjonglier-Mund von Julia Roberts zur Minikauleiste degradiert.

Sonntag, 13.47 Uhr

Wir machen uns gegen den Tabellenführer warm. Auf der anderen Seite kommt es kurz zu Unruhen, weil einige Greenpeace-Aktivsten das Zuspieler-Fass von Beinstein zurück ins Meer ziehen wollen.

Spaß.

Gut gelaunt überlege ich, ob ich einem Kind in den Kopf beißen soll. Was für ein Tag.

 

Sonntag, 14.02 Uhr

Der Pirat von Beinstein kapituliert vor einer gut eingespielten Berkheimer Armada. Danke Martin und Sebastian, dass Ihr mit Eurer Schützenhilfe dafür gesorgt habt, die Beinsteiner Beine in Steine zu verwandeln (Brüller!) und mit Eurer Geduld und positiven Worten verhindert habt, dass ich Feuer speiend auf den Schiedsrichterstuhl springe und dessen Kopf in ein niederbrennwertiges Kohlestückchen mit Pfeife im Maul verwandle. Getrieben von morchelnden Hasswürmern prügel ich auf die Netzkante und reiss mir ein Stück Fleisch aus dem Daumen. Wo sind die Männer mit den weißen Jacken? Fazit: Sieg Nummer drei, 2:0.

Was zum Teufel will da raus aus mir und liegt nicht in der gerade gestellten Frage schon die Antwort?

 

Sonntag, 14.30 Uhr

Ich bestelle ein Zäpfle bei dem pickligen Schnarchschlumpf hinter der Theke.

 

Sonntag, 15.00 Uhr

Ich habe das Zäpfle bekommen. In Gedanken schiebe ich dem Schnarchschlumpf einen brennenden Chinaböller (Typ A) in den Arsch.

 

Sonntag, 15.07 Uhr

Es gelingt mir den Schwefelgeruch mit Nikotin und Zäpflesaft zu besiegen. Traurig überlege ich, ob Simone, Sybille und meine wunderbare Bianca mir jemals wieder einen Ball stellen können, ohne davor vier Stunden in Psychotherapie gewesen zu sein.

 

Sonntag, 15.51 Uhr

Der alte Angstgegner Unterhinternebensich-Ensingen steht als letztes zu schnupfendes Opfer auf dem Programm. Ich bekomme endlich Pause und überlege, ob ich vielleicht jetzt einem Kind in den Kopf beißen soll.

 

Sonntag, 16.14 Uhr

Ich muss mit ansehen wie meine bis zu diesem Zeitpunkt sehr geschätzten Mitspieler/innen in einen dornröschenartigen Sofortschlaf verfallen und auf dem Feld stehen, als ob Ihnen grausame Alienmutanten bei lebendigem Leib die Wirbelsäule aus dem Körper gerissen hätten.

Wir verlieren den ersten Satz gegen kleine leuchtgrüne Männchen.

 

Sonntag, 16.27 Uhr

Der arme Zijo muss das Feld verlassen und der kleine Schachtelteufel kommt wieder rein. Wir ballern die Mineralwasserproduzenten mit 25:4 vom Feld und ich höre mehrere Kinnladen auf den Boden klatschen. Auch der dritte Satz geht an uns.

8:0 Punkte, Balou macht den Sekt auf, alles gut. Scheinbar haben mich die anderen doch noch ein winziges Bissschen lieb. (ist das richtig geschrieben?)

 

Sonntag 17.55 Uhr

Wir haben geduscht, Wunden geleckt und freuen uns auf Zäpfle vom Fass.

Balou wartet opeltypisch auf den ADAC weil sein Astralkörper ihn verlassen hat und Team Coach Henrik sowie Team Protector Clau fahren schon mal vor…

 

Gefühlte 800 Stunden später kreise ich im karnevalistischen Hasskostüm durch Stetten. Mein Gemütszustand schnellt binnen Mikrosekunden auf ein Niveau, das einer sofortigen Teufelsaustreibung bedarf. Zijo schickt uns rechts-links-rechts, ich glaube links-rechts-links, fahren tun wir was ganz anderes.

Bianca sitzt neben mir und muss hören, fühlen und sehen, wie sich Ihr Göttergatte in einen schreienden Klumpen Fleisch verwandelt. Gut dass im Auto keine Kinder sind.

 

Sonntag, 18.04 Uhr.

Ich wische mir Blutstropfen aus den Augen und trete auf die Bremse, als ob ich einen Sattelschlepper vor den Sturz in den Höllenschlund bewahren will. Dank robuster Volvo-Technik überlebt mein Fahrzeug das Öffnen und Schließen von Türen und Kofferraumdeckeln um mein Navi aus der müffelnden Sporttasche zu angeln. Hysterie!

 

Sonntag, 18.06 Uhr

Neben mir halten Sebastian und Simone. Gut gelaunt tolerieren sie wie ich wild fluchend mein Navi programmiere um diese verfl… Wielandstraße zu finden.

 

Später…

Ich stehe vor der Pizzeria Trulli und rauche. Meine Frau ist traurig, hat sich von mir weggesetzt. Ich ziehe den Qualm in meine Lungen und fühle mich scheiße.

Dann gehe ich wieder rein, entschuldige mich reumütig und bin froh, dass Bianca mir verzeiht. Sie lächelt mich an und sagt: „Simmer wieder gut!“ Worte die schöner sind als jede Liebeserklärung. Es werden Plätze getauscht und ich sitze wieder neben ihr. Auch die anderen strahlen mir eine Fröhlichkeit entgegen, die ich nicht verdient habe.

Danke Euch allen.

3 Kommentare daywalker2709 am 7.11.06 14:12, kommentieren